Vielfalt schätzen – Rassismus ächten!
22. April 2026Pressemitteilung des Landesintegrationsrates NRW vom 24. April 2026
Als Bundesinnenminister Dobrindt am 20. April 2026 die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2025 vorstellte, nutzte er die Gelegenheit, um Stimmung gegen Menschen mit internationaler Familiengeschichte zu machen. Den Rückgang der registrierten Straftaten um 5,6 Prozent erklärte er durch weniger Einwanderung – ohne Belege oder die Zahlen in einen angemessenen Kontext zu setzen. Tayfun Keltek, Vorsitzender des Landesintegrationsrates NRW kritisiert dieses gezielte Schüren von Ängsten scharf: „Hier werden wieder einmal ohne Sinn und Verstand vermeintliche Fakten missbraucht, um migrationsfeindliche Einstellungen zu bedienen. Das nützt weder der Bekämpfung von Kriminalität noch dem Zusammenhalt der Gesellschaft. Kriminologinnen und Kriminologen warnen deshalb vor einer Überinterpretation der Daten und einer Instrumentalisierung dieser für politische Zwecke. Leider finden sie wenig Gehör.“
Tatsächlich werden in der PKS ausschließlich Straftaten erfasst, die der Polizei bekannt werden. Fälle, die nicht angezeigt oder nicht entdeckt werden, sind darin nicht enthalten. Ebenso wenig bildet die Statistik soziale Hintergründe oder den Ausgang gerichtlicher Verfahren ab. Entscheidend für die statistische Sichtbarkeit sind Alter, Geschlecht, soziale Lage und Anzeigeverhalten, nicht Herkunft.
Besonders deutlich wird das bei der Kategorie „nichtdeutsche Tatverdächtige“. Der Anteil liegt 2025 bei 35,5 Prozent ohne ausländerrechtliche Verstöße. Diese Zahl wird häufig ohne Kontext verwendet. Nicht berücksichtigt werden strukturelle Effekte wie eine höhere polizeiliche Kontakthäufigkeit bestimmter Gruppen, eine jüngere und männlichere Altersstruktur sowie die Einbeziehung von Personen ohne festen Wohnsitz in Deutschland. Zudem zeigen Forschungsergebnisse, dass Gewaltdelikte deutlich häufiger angezeigt werden, wenn eine ausländische Herkunft vermutet wird, mit einem etwa dreifach erhöhten Anzeigerisiko. Diese Faktoren beeinflussen die statistische Sichtbarkeit. Sie erklären keine Kriminalität, sondern die Wahrscheinlichkeit, in der Statistik zu erscheinen. Zudem haben Zahlen über Tatverdächtige keine Aussagekraft über tatsächlich verurteilte Straftäter*innen. Trotzdem werden immer wieder einzelne Zahlen isoliert verwendet und als Grundlage für Aussagen über Bevölkerungsgruppen herangezogen. Menschen mit internationaler Familiengeschichte werden dadurch statistisch überproportional mit Problemlagen verbunden, ohne dass die Datenlage eine solche Kausalität hergibt.
Parallel dazu zeigt sich ein Ungleichgewicht in der öffentlichen Aufmerksamkeit: Daten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik werden breit diskutiert und genutzt, um Migration und Kriminalität in einen Zusammenhang zu stellen. Zugleich erfahren wissenschaftliche Untersuchungen zu Rassismus in Institutionen deutlich weniger Aufmerksamkeit. Die bislang größte empirische Studie zu rassistischer Diskriminierung mit dem Titel „Rassismus in deutschen Institutionen und institutioneller Rassismus in Deutschland“ wurde erst kürzlich ebenfalls vom Bundesinnenministerium veröffentlicht, jedoch ohne die sonst übliche öffentliche Einordnung durch Pressekonferenz oder aktive Kommunikation. Die Ergebnisse sind damit formal zugänglich, aber in der öffentlichen Wahrnehmung kaum präsent.[1] „Die selektive Darstellung von Kriminalitätsdaten und das gleichzeitige Ausblenden struktureller Probleme wie institutioneller Diskriminierung verzerren die öffentliche Wahrnehmung erheblich“, erklärt Tayfun Keltek. „Wer Zahlen aus ihrem Kontext reißt und politisch hochspielt, verschiebt den öffentlichen Diskurs und stärkt damit Tendenzen hin zu rassistischen Positionen in der Gesellschaft.“ Eine sachliche Debatte setzt voraus, dass statistische Grenzen benannt, soziale Faktoren berücksichtigt und unterschiedliche Datenquellen gleichwertig einbezogen werden.
[1] https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/inra-studie.pdf?__blob=publicationFile&v=3
Bildnachweis: Visualisierung „Waage der Aufmerksamkeit“ (KI-generiert mit DALL-E 3) im Auftrag des Landesintegrationsrates NRW.